Wir folgten einer Einladung des Grünen-Bezirksverbands Schwaben und besuchten den neuen Gedenkort am Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren sowie das Bezirksarchiv, das seit Herbst letzten Jahres in der Kaufbeurer Innenstadt für Interessierte offensteht.
Die Leiterin des Bezirksarchivs, Dr. Petra Schweizer, empfing die Delegation am Bezirkskrankenhaus (BKH) und erläuterte die Geschichte des Standorts mit besonderem Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus. In der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt” wurden im Rahmen der „Aktion T4” über 2.500 Menschen systematisch ermordet, darunter mindestens 210 Kinder. Besonders erschütternd ist die Tatsache, dass selbst nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands und der Befreiung im Mai 1945 das Töten in der Einrichtung noch wochenlang fortgesetzt wurde. Erst die Intervention amerikanischer Besatzungstruppen am 2. Juli 1945 beendete diese Gräueltaten.
Erst seit den 1980er Jahren, als Prof. Dr. Michael von Cranach die Leitung des Hauses übernommen hatte, wird die Geschichte nicht verdrängt, sondern aufgearbeitet. Zwischen dem alten Gedenkstein, bei dem Patientennamen noch anonymisiert sind, und der Thomaskirche befindet sich nun unter freiem Himmel der neue Gedenkort: acht informative Stelen, die auf die von von Cranach konzipierte Ausstellung „In Memoriam” zurückgehen und wie aufgeklappte Bücher zum Lesen einladen.
In Zusammenarbeit mit einem Seminar des Jakob-Brucker-Gymnasiums und dem Künstler Andreas Knitz wurde zudem ein Kunstwerk entwickelt und an der Außenfassade des Bezirkskrankenhauses angebracht, welches sich beonderes mit der „Euthanasie“-Methode der Hungerkost auseinandersetzt, die damals in der „Heil- und Pflegeanstalt“ angewandt wurde.



Das Bezirksarchiv ist seit einigen Monaten in zentraler Lage in der Kaufbeurer Innenstadt untergebracht und damit zugänglicher und deutlich besser als die früheren Räumlichkeiten im Wäschereibereich des BKH. Im ehemaligen Bankgebäude direkt am Eingang zur Fußgängerzone am Kempter Tor konnten wir Einblick in die umfangreiche Dokumentation nehmen. Viele Familien aus dem Allgäu, Schwaben und darüber hinaus stoßen bei der Ahnenforschung auf Verwandte, die der NS-„Euthanasie” in der Anstalt Kaufbeuren-Irsee zum Opfer fielen oder von dort in Konzentrationslager deportiert wurden.



Schreibe einen Kommentar